Baikal 2006 | Baikal Tipps

Die Brücke am namenlosen Fluss

(Genadi Giebler)

Vorwort

Lange habe ich die Absicht gehegt, einen Bericht über unsere Baikalreise zu schreiben, einen Bericht, der das Erlebte würdig widerspiegelt. Genau dieser Anspruch hat mich in der Vergangenheit immer wieder davor zurückschrecken lassen, zur Feder zugreifen oder in die Tasten zu hauen. Nachdem wir nun schon die zweite Baikalreise unternommen bin ich fest entschlossen, ein paar Zeilen zu schreiben, merke aber, dass es mir nicht möglich ist, die beiden Reisen voneinander getrennt zu betrachten.

Eine Idee reift heran

An das Camp am Ufer der Ajaja-Bucht habe ich die schönsten Erinnerungen. Wir waren eine Truppe in Harmonie, Freundschaft und Ausgelassenheit. Die absolute Nähe zur Natur war grandios. Zurück in Deutschland trug ich die Erinnerung an diese Zeit als ein ständiges Hochgefühl in mir und sah ständig die Landschaften vor mir, die wir hautnah erlebt hatten. Auch die Gesellschaft der ausgelassenen jugendlichen Truppe vermisste ich oft.

Der anfängliche Entschluss, diese Reise als ein einmaliges Erlebnis hinter uns zu lassen und im nächsten Jahr etwas völlig anderes zu unternehmen, wich langsam dem Wunsch, doch noch mal an den Baikal zu fahren, am liebsten wieder an die Ajaja.

Regina und Genadi 2005 am Frolicha SeeIch erinnerte mich an jenen Tag, an dem Regina und ich zum Frolicha-See gewandert sind, um dort einfach mal ein paar Stunden an Ufern des Sees die Natur zu genießen und die Seele baumeln zu lassen. Am gleichen Tag machten sich Helmut, Oliver und Andrej auf eine etwas ehrgeizigere Tour auf: Sie wollten bis zur unteren Frolicha, dem Ablauf des Frolicha-Sees gehen, diesen überqueren und weiter das Nordufer des Sees entlang wandern.

Der Weg von der Ajaja-Bucht zum Frolicha-See, gabelt sich unmittelbar vor dem westlichen Ende des Sees. Der Pfad der in südlicher Richtung führt, ist gut begehbar und führt in Ufernähe bis zu einer Stelle am See, die sehr gut als Lagerstelle auch für größere Gruppen geeignet ist. Weiter am Südufer entlang verliert sich der Pfad.


Oliver, Helmut und Andrej folgten dem nördlichen Zweig. Einige hundert Meter weit ist der Weg noch gut. Wir selbst haben ihn in den vergangenen Tagen hier bis zu einem „Simovje“, einer Rangerschutzhütte gesäubert und begehbar gemacht. Weiter in Richtung Norden jedoch mussten sie sich durch das Unterholz schlagen, denn der Pfad war nur noch zu erahnen. Erlengesträuch und Krüppelzedern wachsen sehr schnell in den lichten Raum, den ein unbenutzter Pfand bietet und kreuzen ihn quer, wie die Lanzen einer Palastwache, von umgestürzten Bäumen ganz zu schweigen. Über eine Stunde vergeht, bevor sie auf das steinige Bett des unteren Frolicha-Flusses treffen. Unterer Frolicha-Fluss im Sommer 2005 Er ist immer noch ein stattliches Wildwasser, obwohl es seit Wochen nicht mehr geregnet hat. Je näher sie dem Fluss kamen, umso klarer wurde: Hier gibt es keine Möglichkeit, leichtfüßig hindurchzuwaten. Daran änderte sich auch nichts, nachdem sie noch ein gehöriges Stück am Fluss entlanggelaufen waren. Andrei testete immer wieder mögliche Watgänge oder Furten. Schließlich passiert es: Bei einem neuerlichen Angriff, den Fluss an einer vermeintlich seichten Stelle zu durchwaten, rutscht er aus und nimmt unfreiwillig ein Vollbad. Der Gaudi ist riesig, aber das Vorhaben wird für gescheitert erklärt. Schließlich müsse man auch auf dem Rückweg den Fluss wieder durchqueren und das wolle man sich auf einer entspannten Tagestour doch nicht antun. So blieben Sie noch ein Weilchen am Fluss und traten dann den Rückweg an.

Dieses Erlebnis kenne ich nur aus den Schilderungen der drei. Aber es machte mir mehrere Dinge klar.
Ersten: Ich selbst habe die „untere Frolicha“ nicht gesehen, was mich etwas traurig stimmt. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden.
Und zweitens: Dieses Flüsschen ist eine mehrfache Herausforderung, einmal für jene, die vom Norden her den Baikal entlang wandern und zum anderen für jene, die den Frolicha-See nördlich umwandern wollten. Beides aus Sicht des „Great Baikal Trails“ höchst attraktive Routen. Dritten aber, für mich persönlich: Eine Querung über den Fluss zu schaffen, der Wanderern einen sicheren Übergang ermöglicht und gleichzeitig so reizvoll erscheint wie die Landschaft selbst, in die sie sich einbettet: Eine Hängebrücke.

Ein Projekt wird geplant

Ein Dank an die modernen Kommunikationsmittel! Nachdem die Idee einer Hängebrücke mich immer stärker Beschäftigte und wir auf unserem Nachtreffen in Brotterode dieses Thema bereits in Raum stellten, merkte ich, das mich diese Idee nicht loslassen würde. Mehr noch, sie ist bereits zur Vision geworden und nahm die Konturen eines Projektes an. Ich recherchierte im Internet solche Themen, wie „Hängebrücke“, „Brückenbau“, „Statik“ oder „Seiltechnik“. Es gab auch den Tipp von Tom Umbreit: „Reich doch Dein eigenes Projekt ein“. Und so nahm ich E-Mail-Kontakt zu Aljona vom GBT Severobaikalsk auf.

Ihre Antwort war herzlich. Sie freute sich, von mir zu hören und fand die Idee von Brückenbau sehr gut. Sie betonte auch, dass unsere russischen Freunde aus dem Camp vom Vorjahr mit Begeisterung wieder mit dabei wären. Gleichzeitig dämpfte sie meine Erwartungen mit folgenden Fakten: Die Camps für das Jahr 2006 seien schon beantragt. Ein neues Projekt einzureichen sei schwierig. Des weiteren wird ein Camp am Frolicha-See nicht möglich sein, da es unüberwindliche Zerwürfnisse mit der Leitung des Naturreservates gäbe. Das war erst mal eine Enttäuschung für mich. 

Dennoch entspann sich ein reger E-Mail-Austausch, infolge dessen sich folgende Situation herauskristallisierte:
Ein weiteres Projekt ist grundsätzlich machbar, wenn sich die Gruppe unschwer rekrutieren lässt, ausreichend ausländische Freiwillige teilnehmen und im Vorfeld ein reales technisches Projekt erstellt wird. Das sahen wir als machbar an.
Darüber hinaus musste ein Ort gefunden werden, wo dieses Projekt sinnvoll und erwünscht wäre. Hier kommen nun die Verbindungen der Marjiasows nach Chakusy zum tragen.

Ueberquerung des Flusses Khakusy 2005Aljona schrieb: Ihr kennt den Fluss, um den es geht. Während Eures Ausfluges nach Chakusy im vorjährigen Camp habt ihr ihn auf riskante Weise nach einem Regen mit vollem Gepäck auf einem glitschigen Baumstamm überqueren müssen. Der Fluss ist vielleicht nicht so eindrucksvoll, wie die untere Frolicha, aber eine Brücke wäre hier sehr von Nutzen und wird auch von der Verwaltung des Chakusy-Sanatoriums sehr gewünscht. Meine Eltern haben gute Verbindungen dorthin und haben die Sache mit der Leitung von Chakusy bereits abgesprochen.

Nachdem wir uns also damit abgefunden hatten, dass das Projekt nicht am Frolicha-See verwirklicht werden kann, begannen wir, an dem Gedanken Gefallen zu finden, in direkter Nähe der heißen Quellen von Chakusy die Brücke zu bauen. Die Vorteile lagen auf der Hand: weniger beschwerliche Materialtransporte, Unterstützung durch die Verwaltung von Chakusy, Entspannung in den heißen Quellen und wenn das Wetter uns nicht gewogen sein sollte, Unterschlupf in einer der Blockhütten des Sanatoriums. Alles in allem keine schlechte Sachlage.

Zwischen Begeisterung und Belastung

So begann ich mit der Erarbeitung eines technischen Projektes. Dabei blieb ich im E-Mail-Kontakt mit Aljona, informierte aber auch ab und zu Oliver und Tom. Meine Zielstellung war folgende:
Im Februar sollte ein Entwurf des technischen Projektes fertig sein und zur Begutachtung und Stellungnahme nach Severobaikalsk geschickt werden.
Im März sollte das technische Projekt mit Detailzeichnungen und Materialliste fertig sein.
Im April sollte ein technologischer Plan mit personeller Ressourcenplanung und Arbeitsmittelbedarf erstellt werden um die benötigten Werkzeuge beschaffen zu können und die Arbeitsabläufe auf zehn Arbeitstage und zehn Arbeitskräfte aufzuteilen.

Während die erste Phase der Projekterstellung planmäßig abgeschlossen wurde, war doch die zeitliche Belastung so groß, dass die zweite Phase sich bereits bis in den Mai verzögerte. Ich stellte fest, dass meine Planung doch zu sehr vom problemlosen Zugang zu deutschen Baumärkten geprägt war. Viele Ansätze waren aus Sicht der Freunde in Severobaikalsk zu teure Edellösungen. So wurde ein Stahlseil besorgt, welches vom Freileitungsbau übrig war und neben selbst gefertigten Beschlägen aus C-Stahl (Respekt!) gab es nur noch Nägel in verschiedenen Größen.

Schließlich entstand das Projektdokument als eine Beschreibung von mehreren alternativen Ausführungsvarianten mit entsprechenden Detailzeichnungen und Anhängen. Zum technologischen Plan kam es nicht mehr. Nur die Werkzeug-Liste schickte ich als profane E-Mail an Aljona. Ich nahm mir vor, die technologische Planung der Arbeiten vor Ort vorzunehmen, was mir noch einigen Stress einbringen sollte.

Vision triff Realität

In Severobaikalsk angekommen begaben wir uns, wie geplant ins SchTEO (Schule für Tourismus und ökologische Bildung). Wir wollten den Abend für Vorbereitungen, Planungen und Absprachen nutzen.
Die Sichtung des Werkzeugs war erfreulich. Alles Notwendige war da. Nur ein paar Dinge, die ich vergessen hatte, auf die Liste zu setzen, mussten noch besorgt werden. Dazu fuhr ich mit Egor, der den Wagen seines Vaters chauffierte, zu einem Werkzeugladen und besorgten die fehlende Sachen.

Jetzt sollte alles komplett sein. Zusammen mit den Seiltechnikkleinteilen, die ich aus Deutschland mitgeschleppt hatte, müsste der Brückenbau nun gesichert sein. Zurück im SchTEO trafen wir noch die notwendigen Absprachen für den nächsten Tag, den Tag der Abreise nach Chakusy. Mit Aljona gingen wir noch zu dem Schuppen, wo das Stahlseil gelagert war, damit ich mich vergewissern konnte, dass es das Passende ist. Es war nicht das, was ich erwartet habe. Laut E-Mail hätte es einen Durchmesser von 9 mm haben sollten. Ein ungewöhnliches Maß, weshalb ich auch Schellen für 10-mm-Seile besorgte. Dieses Seil jedoch hatte etwa 11 mm. Die Schellen passten glücklicherweise gerade so drauf, mit Quetschen und Würgen. Außerdem war dieses Seil extrem steif, da die einzelnen Adern fasst einen Millimeter stark waren. Ich erahnte schon die Probleme, die wir beim Biegen der Schlaufen haben würden. Aber ich fand, es sei kein KO-Kriterium und wir gönnten uns für den Rest des Tages Freizeit.

Tag 1: Der nächste Tag war der Anreisetag. Er galt als erster Tag unseres Projekts. Er begann mit einem Frühstück im SchTEO, welches bereits mit unseren Campvorräten bereitet wurde. Dann wurde der SchTEO-eigene Bus beladen. Unser Gepäck, die Vorräte, das Werkzeug und Material. Mir fiel auf, dass die Beschläge zwar solide gemacht, aber noch nicht gestrichen waren. Da sie aus C-Stahl waren, würden sie einen Korrosionsschutz benötigen. Wir würden sie also vor Ort anstreichen müssen. Die Farbe dafür amüsierte mich, es war rosa.

Am Anleger in Nishneangarsk 2006Es ging mit dem Bus zum Hafen nach Nishneangarsk. Da waren wir etwas zu früh. Dafür hatten wir Zeit, alles in Ruhe auszuladen und auf dem Anleger zu stapeln. Das Boot, ein Kutter der Jaroslavez-Klasse, lag schon da. Aber weil der Kapitän noch nicht da war, kam auch noch keiner an Bord. Irgendwann ging es dann aber los. Wieder eine Kette bilden und auf dem Oberdeck des Kutters stapeln. Als wir endlich ablegten, hantierte ich wohl etwas zu hecktisch mit meinem Fernglas und schwups, opferte ich eine Objektivkappe dem Vater Baikal. Ich hoffte, er wird mir die nächsten Tage wohl gesonnen bleiben.

Die Überfahrt dauerte etwas mehr als drei Stunden. Dann tauchte die Silhouette der Bucht von Chakusy auf. An Bord waren auch Elena Lagutina vom GBT, die sich ein Bild von der Arbeit des GBT am Nordbaikal machen wollte und wie sich während der Fahrt herausstellte, auch Sergej Nikolajewitsch, der Verwalter des Khakusy Sanatoriums. Von ihm erhielten wir im Verlauf des Projektes eine sehr gute Unterstützung.

Nach dem Anlegen wurde es noch mal hart: Kette bilden und alles auf dem Anleger stapeln. Dann den Traktor beladen (Laut Christian nennt man das Fahrzeug richtiger weise Geräteträger). Dieser brachte die Sachen bis an die Mündung des Flüsschens, unseres Flüsschens. Nun hieß es, eine Camp-Stelle ausfindig zu machen. Wir entschieden uns für einen lichten, heideartigen Taigaabschnitt mit angrenzenden Dünen zum Baikal hin. Der große Nachteil war, wir müssten alles noch fast 500 Meter schleppen, wobei wir alle mehrmals gehen mussten, bis alles vor Ort war.

Die auserwählte Stelle war sehr lauschig und für die Größe unseres Camp war ausreichend Platz geboten. Nur für die Infrastruktur musste noch gesorgt werden. Aus den Artefakten und Brettern älterer Camps begannen wir zuerst mit der Feuerstelle. Gleichzeitig bauten alle ihre Zelte auf. Als Nächstes machten wir uns an die Picknick-Lounge.Mascha am Esstisch - Kuechendienst 2006

Tag 2: Der zweite Tag ging nochmals auf die Erschließung der Infrastruktur drauf. Im Ergebnis hatten wir eine Kochstelle mit Sitzrondell, eine neue Grube mit einem (vorhandenem) Plumpsklo-Verschlag, eine Picknik-Lounge mit Tarp-Überspannung.
Unsere Campingstelle war wirklich schön ausgesucht, aber einen entscheidenden Nachteil hatte sie - ein Bach war leider nicht in der Nähe. So mussten wir das Wasser aus dem Baikal nehmen, was bei Wellengang nicht ganz einfach wäre. Daher errichteten wir noch unter maßgeblicher Anleitung von Christian einen Steg zum Wasserholen.

Eine Ortsbegehung unserer künftigen Baufeldes fand auch an diesem Tag statt. Wir nahmen ein paar Vermessungen vor und legten die Lage der beiden Fundamente fest. Morgen sollte es richtig losgehen.

Die Arbeiten haben begonnen

Tag 3: Der Tag begann, wie von nun an jeder Arbeitstag beginnen würde, nämlich damit, dass Regina und ich aufstanden, Feuer machten, Wasser für Tee und Kascha aufsetzten und etwa gegen acht Uhr den Rest der Truppe weckten. Dar Tisch war bereits gedeckt. Gegen neun war das Frühstück beendet und bis auf den Küchendienst bewegte sich die Truppe zum Baufeld.
Jetzt begann die eigentliche Herausforderung. Die bestand darin, alle gleichzeitig zu beschäftigen. Ich hatte keine Ahnung wie schwierig das noch werden sollte, denn kaum einer, ach was, überhaupt niemand war ein Profi für solche Arbeiten und kaum einer hatte das Projekt im Detail erfasst. Zu meinem großen Glück erwies sich Christian als riesige Hilfe beim Anleiten anderer für verschiedenste Arbeiten, ein echter Ko-Bauleiter.

Um zu veranschaulichen, wie sich die Arbeiten über die Tage verteilten und wie straff doch die Planung angesichts der wenigen Zeit war, empfehle ich, meine Präsentation "Bridge Building Story" anzuschauen. Aber so anspruchsvoll, wie die Aufgabe technisch und technologisch auch sein mochte, es war längst noch nicht alles, was es an Herausforderungen zu bewältigen gab.

Das Schwierigste für mich war immer wieder, die verschiedenen notwendigen Arbeiten breit zu verteilen und parallel durchführen zu lassen. Es ist eine echte Herausforderung, eine Gruppe Jugendlicher dabei permanent anzuleiten und zu motivieren und ich meine, ich bin diese Herausforderung nur teilweise gerecht geworden.

An diesem ersten echten Arbeitstag ebneten wir die Baufelder für beide Fundamente ein, besorgten passende Baumstämme für Grund- und Sattelbalken, schälten sie und schnitten die Stämme für das erste Fundament zurecht. Nach dem Anpassen und Ausklinken beendeten wir den ersten Arbeitstag mit der Fertigstellung des ersten Fundaments.

Die Arbeiten laufen auf Hochtouren

Tag 4: Der Tag begann, wie der Tag zuvor. Das Wecken der Truppe erforderte einiges an Nachdruck. Es war ein Samstag. Wir hattenDer erste Pfahl steht - Khakusy 2006 uns darauf geeinigt, unsere ersten zwei freien Tage zu nehmen, wenn wir einen sichtbaren Teil der Arbeiten fertig hätten. Das sollte die Fertigstellung beider Fundamente sein.

Im Verlauf der Zeit bildete sich eine Arbeitsteilung heraus, die zwar einerseits aufgrund der Zeitknappheit optimal war, andererseits dem einen Teil die anspruchsvolleren Arbeiten und dem anderen Teil die stupiden Arbeiten zuteil werden ließ. Vor allem die Mädchen schälten Rinde von den Baumstämmen, schleppten Sand und Kiesel zum Verfüllen und flochten die Seilschlaufen. Egor und Sascha waren die Kraftmeier. Sie fällten Bäume, schleppten sie aus dem Wald oder huben die Gruben aus. Christian war vor allem auf handwerklich anspruchsvolle Arbeiten spezialisiert, leitete an und beriet mit mir die Probleme und Lösungen. Regina bewirtschaftete das Camp, wobei ihr reihum jeden Tag jemand anderes als Küchenhilfe zugeteilt wurde.
Da ich ständig hin und her gerissen wurde zwischen dem Beaufsichtigen und Anleiten und Arbeiten, die ich selbst ausführen musste, war Oliver als Assistent sehr hilfreich. Hilfsarbeiten, ohne die es nicht weitergegangen wäre, erledigte er zuverlässig. 

Am Ende dieses Tages war auch das zweite Fundament fertig und und der Mast der erster Tragekonstruktion war aufgestellt. Damit hätten wir uns die ersten zwei freien Tage gönnen dürfen. Da wir aber noch keine fünf Arbeitstage am Stück absolviert hatten, schlug ich vor, noch einen weiteren Tag zu arbeiten und eine Tragekonstruktion fertig zu stellen. Die weiteren Aufwände ließen sich danach viel besser abschätzen - war meine Argumentation. Mit mehr oder weniger großer Begeisterung wurde der Vorschlag akzeptiert.

Tag 5: Heute sollte die erste Tragekonstruktion fertig gestellt werden. Um die notwendigen Arbeiten an der Konstruktion musste ich mich selbst kümmern, so dass  die Anleitung zu parallelen Arbeiten, sofern es nicht Christian tat, etwas auf der Strecke blieb. Das führte dazu, dass öfters einige Leerlauf hatten und sich im Schatten niederließen, ohne dass ich es gleich bemerkte. Das sollte an den kommenden Arbeitstagen noch häufiger vorkommen.

Die veranschlagten Arbeiten waren eigentlich keine große Sache - scheinbar. Es ging schließlich nur um vier Balken und zwei-drei Verstrebungen, die zu einem Gebilde zusammengefügt werden sollten. Aber technologisch war es natürlich etwas komplizierter. Die Arbeiten fanden auf engem Raum statt. Für Arbeiten in der Höhe mussten wir zuvor ein leiterartiges Gerüst bauen. Und die Ausklinkungen mussten durch mehrmaliges Anpassen beim Aufstellen korrigiert werden. Arbeitete jemand oben auf dem Gerüst mit dem Hammer oder mit anderem Werkzeug, ließ ich das Gerüst durch jemanden - meistens war es Oliver - sichern und untersagte Arbeiten im Bereich darunter.

Im unteren Bereich gab es auch eine Menge kleinerer Arbeitsschritte durchzuführen, wie zum Beispiel die Verbindung der Pfosten, Sattelbalken und Fundamentbalken mit Winkeln, Lochplatten und Stahlbändern. Die Mädchen verfüllten und verdichteten den Raum um die Fundamentbalken herum, wofür sie große Mengen an Sand und Kieselsteinen vom Strand herbeischleppten.

Schließlich stellten wir die erste Tragekonstruktion planmäßig fertig und konnten uns auf den kommenden freien Tag freuen.

Zwei freie Tage

Baerenspuren - Khakusy 2006Tag 6: Das Wetter war uns nicht gewogen an diesem ersten freien Tag. Am frühen morgen weckte uns ein Gewitter. Aus dem Bergen im Osten zogen Nebelschwaden herab und ließen die Taiga kalt, feucht und gespenstisch erscheinen. Die meisten hatten ohnehin vor, auszuschlafen. Auch wenn der Nieselregen im Laufe des Vormittags nachließ, blieb es doch unfreundlich und grau. Regina und ich machten uns auf den Weg nach Süden am Strand entlang, wo wir erstmals frische Bärenspuren entdeckten. Wir liefen noch bis zum Ende der Bucht am Strand entlang. Weiter ging es nur noch durch den Wald. Da wir nur zu zweit waren, ließen wir das, um den Bären nicht herauszufordern und machten uns auf den Rückweg.

In der Ferne sahen wir eine Person in unsere Richtung kommen. Bald erkannten wir Christian. Als er bei uns anlangte, zeigten wir ihm die gewaltigen Abdrücke der Bärentatzen im Sand. Schließlich gingen wir gemeinsam zurück. Dann schlossen wir uns den anderen  im Nichtstun an.

Am späten Nachmittag ging es dann, wie jeden Abend, zu den heißen Quellen, um im Wasser bei Badewannentemperatur zu relaxen.

Wanderung zu den Hoehlen - Khakusy 2006Tag 7: Für diesen Tag war eine Wanderung geplant. Es sollte in Richtung Süden gehen. Am Ende der Bucht, welches wir am Vortag mit Regina schon besucht hatten, beginnt ein Abschnitt des Wanderweges, der im Jahr zuvor ebenfalls vom GBT angelegt wurde. Dieser Weg führt um die felsigen Kaps im Hinterland herum in die nächsten Buchten im Süden. Unter anderem sollten wir dort Höhlen finden. Unser Ziel war es also, denn Weg in Richtung Süden zu wandern und diese Höhlen aufzusuchen. Das Wetter war ähnlich trüb wie am Vortag, aber trocken. Einige blieben und hüteten das Lager.

Wir liefen bis zum Ende unserer Bucht. Die Bärenspuren waren noch zu erkennen. Am Ende der Bucht wies ein Schild mit der Aufschrift "GBT" in den Wald. Wir folgten ihm. Der Weg war zweifellos gut begehbar und markiert, wir konnten das beurteilen. Aber durch die Feuchtigkeit, die bereits den zweiten Tag anhielt, waren wir reinstes Mückenfutter. Wir  waren bald durchgeschwitzt, da wir unsere Kleidung wegen der Mücken geschlossen hielten. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die Bucht, an der sich die Höhlen befinden sollten. Wir suchten sie eine geschlagen Stunde an beiden Flanken der Bucht, aber wir konnten sie nicht finden. Nur der Strand war auch hier mir Bärenspuren übersäht. Es schienen auch Jungtiere dabei zu sein, da es auch etwas kleiner Tatzen-Abdrucke gab.

Wegen der Höhlen waren wir enttäuscht, aber unser Zeitvorrat war aufgebraucht und wir machten uns auf den Rückweg. Schließlich war die Wanderung dennoch voller interessanter Eindrücke und wir marschierten unserem abendlichen Heilbad entgegen.

Die Brücke nimmt Konturen an

Sparren mit AbhaengungenTag 8: Die zweite Tragekonstruktion war fast Routine. Gleichzeitig waren eine Menge Vorbereitungen parallel erforderlich um die folgenden Arbeiten abzusichern. Vor allem die Sparren, die am Trageseil abgehangen werden, mussten mit Hängeseilen der richtigen Länge verbunden werden, eine Arbeit, welche im wesentlichen von den Mädchen ausgeführt wurde, die aber wegen des steifen Stahlseiles ziemlich in die Finger ging.

Am Ende dieses Tages war die zweite Tragekonstruktion fertig und das Trageseil war mit den Sparren-Abhängungen konfektioniert.

Tag 9: Heute wollen wir den Brückenschlag einleiten und den Fluss überspannen. Zuerst hatten wir einen krankheitsbedingten Ausfall. Christian hat sich übel den Magen verdorben und lag flach. In der Nacht hatte er gar Schüttelfrost Er lag nun in seinem Zelt und ließ sich von "Schwester Olga" versorgen.

Sparren mit AbhaengungenWir bereiteten an diesem Morgen das Einhängen der Trageseile vor. Zuerst wurden die Enden beider Trageseile an einer Stütze eingehangen. dazu erklimmten Jegor und Johannes die provisorische Leiter und zogen die Schlaufen am Ende des rechten und linken Trageseiles über die oberen Pfostenenden. Nun musste das Provisorium, eine Konstruktion aus Latten verschiedener Stärke, welches ein Zwischending zwischen Leiter und Rüstung bildete, auf die andere Seite geschleppt und an der anderen Brückenstütze aufgestellt werden - eine Prozedur, die wir während des Brückenbaus bereits einige Male durchführen mussten und die uns wohl noch mehrmals bevorstand.
Nachdem die Leiter wieder stand, stiegen Jegor und Johannes wieder hinauf und hängten die anderen beiden Enden des Trageseiles ein. Nun erlitten wir bereits den ersten Schreck, als wir sahen, dass die Sparren viel zu tief hingen. Sie berührten sogar das Wasser. Offensichtlich ist mir beim Übertragen der Maße ein Fehler unterlaufen. Ganz klar, dass nun eine schnelle Idee zur Lösung des Problems gefragt war. Meine erste Überlegung war es, sämtliche Sparrenabhängungen zu kürzen und dadurch die Sparren anzuheben. Dies hätte allerdings dazu geführt, dass die Abhängungen in der Mitte der Brücke sehr kurz geworden wären und der Handlauf oberhalb das Trageseiles angebracht werden müsste.

Einige aus der Truppe meinten nun, es wäre das Einfachste, die Trageseile entsprechenden zu kürzen. Dann würde das Trageseil nicht mehr so tief durchhängen und die Sparren würden auch höher hängen. Diese Lösung schien einfacher zu sein und ich nahm den Vorschlag an. In diesem Moment habe ich jedoch nicht erkannt, dass durch den spitzeren horizontalen Austrittswinkel des Trageseils an den Stützen auch die horizontale Zugkraft auf die Stütze zunehmen wird. Wir nahmen also sie Trageseile wieder ab und begannen, diese zu kürzen. Damit war der Tag gelaufen.

Der GAU am Bau

Tag 10: An diesem Tag sollten sich die Ereignisse überschlagen. Beim Einhängen der Trageseilschlaufen hatten wir schon eine gewisse Routine, auch wenn die Kraftanstrengung von Jegor und Johannes größer war, da das Trageseil nun straffer verlief. Aber dann war der Brückenschlag geschafft und die Sparren hingen im eleganten Bogen in Reih und Glied an den beiden Trageseilen. Endlich konnte man auch die Eleganz der gesamten Konstruktion erkennen. Die Freude war groß und einige bestiegen im Überschwang die noch völlig frei schwingenden Sparren. Sie wippten und schaukelten ausgelassen und wurden immer übermütiger. Plötzlich wurde aus dem ausgelassenen Gelächter entsetztes Geschrei. Ich sah erst nur, wie die Sparren sich nach unten bewegten. Einige versuchten sich auf den Behelfssteg zu retten, einige sprangen ins Wasser. Nun sah ich auch, wie sich die eine Stütze auf der Nordseite geneigt hat. Alle waren fassungslos. Ljuba schien einen regelrechten Schock zu haben und andere Mädchen kümmerten sich um sie.

Ich lief sofort zur havarierten Stützkonstruktion und sah, dass sie über die vorderen Pfosten ausgehebelt wurde. Die hinteren Pfosten hatte es aus dem sumpfigen Grund herausgezogen. Ich rief alle in der Nähe stehenden Leute heran und wir versuchten, die Konstruktion wieder in die alte Lage zu drücken. Natürlich ging das nicht ohne weiteres. Einerseits war einiges an Erdreich in die hinteren Pfostenlöcher hineingefallen und andererseits konnten wir auch mit vereinten Kräften kaum diese Hebelwirkung erzielen, wie sie über das Trageseil ausgeübt wurde. Also legten wieder Seile an die oberen Enden der Konstruktion. Die Einen zogen nun an diesen Seilen um die hinteren Pfosten wieder senkrecht zu bekommen, während die Anderen fieberhaft Kies unter die Balkenauflage fütterten, die ja durch das vor- und zurückkippen etwas angehoben wurde. Irgendwann war alles wieder wohl ausgerichtet, aber das eigentliche Problem bestand noch: Die Stützkonstruktionen waren nicht fest genug im Boden verankert, um dem Kippmoment der Tragseile zu widerstehen.

Nun begann für mich das Grübeln um eine Lösung. Ich begab mich zu Christian, der noch krank aber auf dem Wege der Besserung war und beriet mich mit ihm. Unsere erste Maßnahme bestand in einer Änderung an der havarierten Stütze, bei der wir auf Bodenhöhe einen Ausleger nach hinten konstruierten. Irgendwann kam Christian zum Baufeld und leitete die Arbeiten mit an. Dieser Ausleger sollte vergleichbar mit den Gegengewichten von Baukränen sein. Auf der Platte des Auslegers, die aus Brettern bestand wurden viele Fußballgroße Steine aufgehäuft, die vom Strand herbeigeschleppt wurden. Schließlich hatten wir eine zufriedenstellende Stärkung dieser Stütze erreicht, aber mir erschien das noch nicht genug. Dieser Tag war aber zu Ende und die Fertigstellung der Brücke schien gefährdet.

Tag 11: Am einfachsten wäre ja eine zusätzliche Abspannung der Stützen nach hinten mit einem Seil. Das große Problem dabei war: Wir hatten nicht mehr genügend Seil für diese Maßnahme. Doch dann erinnerte ich mich daran, ein Seilbündel gesehen zu haben, welches hinter dem Magazin auf Ring gerollt vor sich hingammelte. Wir holten uns also ein OK von Sergej Nikolajewitsch, dem "Bürgermeister" und machten uns daran, aus diesem Seil die notwendigen Längen herauszuschneiden. Dabei stellte ich fest, dass das Seil gar nicht so vergammelt war, wie ich zuerst angenommen hatte. Die Verzinkung war solide, rostige Abschnitte gab es kaum.

Sparren mit AbhaengungenIch war extrem vorsichtig geworden und wollte keinen auf die Sparren lassen, geschweige denn, mit der Beplankung beginnen, solange wir die zusätzliche Sicherheit durch die Abspannung nicht geschaffen haben. Daher trieb ich die Jungs an, solide Pflöcke anzufertigen. Sie sollten einen Meter lang und 15-20cm im Durchmesser sein. Beim Einschlagen der Pflöcke stießen wir auf ein weiteres unerwartetes Problem: Dauerfrostboden am Nordufer. Es verging eine ganze Weile, bis wir die Pflöcke an der Nordseite mehr schlecht als recht in den Boden bekommen haben. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, konnte mit der Abspannung begonnen werden.

Die Abspannung brachten wir auch recht zügig an und hätten somit mit der Beplankung beginnen können. Doch da erst viel mir auf, dass das Spannseil zwischen den Sparren, welches auch den Abstand zwischen ihnen hält, noch nicht befestigt war. Nun wurde also diese Sache noch erledigt, womit auch an diesem Tage die Beplankung nicht mehr vorgenommen wurde. Die Brücke war immer noch nicht begehbar und es blieb nur noch ein Tag, wenn wir nicht unsere freien Tage opfern wollten.

Ende gut, alles gut

Tag 12: Heute soll die Brücke also fertig werden. Ich bin zwar verhalten optimistisch, aber mir wird schnell klar, dass auf der Brücke maximal 2 Personen Planken nageln können, anfänglich sogar nur eine Person, solange noch keine ausreichende Standfläche vorhanden ist. Für alle anderen bleiben nur Handlangerarbeiten rund um die Brücke. Zumindest konnte an den Zugängen einiges vorbereitet werden. Aber bei Jegor und Sascha kam immer das gleiche Problem zum Vorschein: Ranklotzen - kein Problem, selbständiges Umsetzten einer komplexen Aufgabe - funktioniert eher nicht. Trotzdem konnte an diesem Tag die Brücke in ihrer wesentlichen Funktion fertig werden. Es blieben noch etliche Restarbeiten, wie die Fertigstellung der Rampen als Zutritt zur Brücke, der Handlauf und ein paar andere Kleinigkeiten. Nun musste also doch noch ein freier Tag dafür verwendet werden.

Tag 13: Es wird auf freiwilliger Basis gearbeitet. Es wäre ohnehin nicht genug Arbeit für alle da. Außerdem kommt Regina mit (die Küche kann ausnahmsweise mal von anderen "gemanaged" werden). Ich empfinde die Situation an diesem Tage als merkwürdig. Die Brücke wird immer mehr zum Fotomotiv und Magneten für Gaffer aller Art. Gleichzeitig gehen Stück für Stück die Restarbeiten zu Ende, ohne dass ich mich richtig lösen kann. Ich stehe nur rum, schreite die Brücke ab, schaue hier und da, ob wirklich alles in Ordnung ist. Christian ist noch am Handlauf zu Gange. Regina beginnt mit dem Einsammeln des herumliegenden Werkzeugs. Aber für mich gibt's nichts mehr zu tun. So daddele ich noch bis zum späten Nachmittag an der Brücke herum. Die Leute aus unserer Truppe tauchen auch immer wieder auf, machen Fotos oder schwatzen und lachen. Die Freigabe für die Öffentlichkeit und mein persönlicher Schlussstrich unter alle Arbeiten ist schließlich das Anbringen des Typenschildes. Damit ist auch dieser Tag zu Ende.

Fortsetzung folgt (eine aktuelle Version dieses Berichts findet man hier->klicken )...

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